Flucht von Hakan Günday

Hakan Günday

Hakan Günday, geboren 1976, studierte Französisch in der Türkei und in Brüssel, anschließend Politikwissenschaften in Ankara. Diplomatensohn, Bestsellerautor, Drehbuchautor, Provokateur, Enfant terrible der jungen türkischen Literatur. Seine Romane sind gleichermaßen Bestseller wie Kultbücher. Seine vielen Fans feiern ihn für seine politischen Kolumnen, seine öffentlichen Debatten und dafür, dass alles, was er tut, aus dem Rahmen fällt.

“Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte ich nie das Licht der Welt erblickt.” – Mit diesen erschütternden Worten fängt das Buch von Hakan Günday an. Der Protagonist Gâza ist erst neun Jahre alt, als er erfährt, dass sein Vater Ahad ein Schleuser ist und Menschen in einem Depot im Garten versteckt um sie danach mit dem LKW zu transportieren.

Das Buch besteht aus jeweils vier großen Kapiteln, die mit Maltechnicken der Renaissance eingeleitet werden und somit ein Hinweis auf Gâza, der sich in der Geschichte drastischen Änderungen unterziehen wird, geben. Als kleiner Junge ist er noch unwissend und versucht Antworten auf Fragen wie, “wollte meine Mutter mich direkt nach meiner Geburt umbringen?” zu finden.

Im ersten Kapitel entwickelt sich Gâza zu einem Charakter, den man einfach nicht mögen kann. Er sieht die Menschen im Depot als Waren an und macht mit ihnen Versuche, die er in einer wissenschaftlichen Ausarbeitung versucht, festzuhalten. Er installiert Kameras im Depot und schaut den Menschen darin zu. Geilt sich an ihnen auf. Erkennt von Tag zu Tag seine Macht über ihnen. Es reicht schon aus, dass er das Licht an und ausschaltet.

Im weiteren Alter scheut er sich nicht davor, sich die schönen Mädchen auszusuchen und sie zu vergewaltigen. Im zweiten Kapitel passiert ein Unfall, der Gâzas Leben einen entscheidenden Wandel gibt. Als er mit seinem Vater die Menschen transportiert, fährt sein Vater den LKW, nachdem Gâza ihm Fragen über seine Mutter gestellt hat, in den Abgrund. Es ist mehr ein Selbstmord als ein Unfall. Gâza verbringt 300 Stunden inmitten der Leichen aus dem LKW und ist der einzige überlebende. Die Stunden die er dort verbringt sind dermaßen detailliert erklärt, dass Gâza ab diesem Moment für den Leser nur noch wie ein Raubtier erscheint. Ein krankhafter Charakter, der sich sogar an einer Leichenbrust aufgeilen kann. – Ich hatte mit dieser Stelle zu kämpfen. Danach musste ich das Buch beiseite legen und das Gelesene verarbeiten.

Nachdem Unfall ist Gâza nicht mehr zurechnungsfähig. Er wird zwar von einigen gefördert und darf sogar studieren, da er immer sehr gut in der Schule war, doch seine Haltung gegenüber Menschen führen ihn in eine Nervenklinik. Er wird dort behandelt und nachdem er entlassen wird, kann er nicht unter Menschen sein. Kann mit ihnen nicht reden, weder noch einem die Hand schütteln. Im weiteren Verlauf des Buches kehrt er zurück zum Depot. An dieser Stelle musste ich an das Sprichwort – ein Mörder kehrt immer zum Tatort zurück – denken.

Meine Meinung:

Dieses Buch von Hakan Günday habe ich vor Monaten in türkisch angefangen und es nicht weiter gelesen, weil es mir sehr extrem und hart vor kam. Die deutsche Sprache empfinde ich in einigen Zusammenhängen nicht so emotional und hart wie meine Muttersprache. Deshalb habe ich das Buch nochmal auf deutsch angefangen und ich muss sagen, dieses Buch ist nichts für Leute, die zart betucht sind. Es spielt mit den Nerven, mit den Gefühlen und provoziert durch und durch. Doch das ist die Art Gündays. Wer andere Bücher von ihm gelesen hat, weiß, dass er keinen Blatt vor den Mund nimmt. Er hat mit Gâza einen Charakter geschaffen, der einen kurz inne halten lässt und an die Geschehnisse an den Grenzen denken lässt. Menschen werden als Ware angesehen und von Schleusern, mit der Hoffnung nach Europa zu kommen, reingelegt. Es ist noch nicht lange her, dass die Leiche eines kleinen Jungen an die Ägäisküste der Türkei gestrandet ist.

Notizen:

Wie oft beichtet man ein und dieselbe Sünde ein und demselben Menschen? (Seite 13)

Kaum hielt ich in jenem Sommer men Schulzeugnis in der Hand, wurde ich zum Menschenhändler. (Seite 15)

Alles war Mathematik. Eine bloße Subtraktionsaufgabe. Wüsste ich, was übrig blieb, wenn ich meinen Hass von der Welt subtrahierte, wäre die ganze Geschichte zu Ende. (Seite 100)

Es gibt so Nächte … Nächte wie Sägemehl … Nächte, die jede Schuld aufsaugen und jeden Schuldigen unschuldig in den Morgen entlassen … (Seite 220)

 

 

 

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