One-Night-Stand, Knips, Fingernagel und dann ist sie weg – Lola

Julie Estève

Julie Estève wurde 1979 in Paris geboren, wo sie auch lebt. Sie studierte Jura und Kunstgeschichte, spezialisierte sich auf moderne Kunst und arbeitet für verschiedene Museen und Magazine. „Lola“ ist ihr erster Roman. (Quelle: Rowohlt)

Sie stellt sich die jungen Leute vor, die schüchtern zum ersten Mal “Ich liebe dich” sagen, mit schamgeröteten Gesicht. Die jugendliche Liebe ist die reinste, die gewaltigste.

Lola hat offensichtlich einen großen Liebesschmerz erlitten. So lebt und läuft sie durch die Straßen von Paris und wie sie sich kleidet und mit Männern umgeht, ist ihre eigene Art mit diesem Schmerz klar zu kommen und ihren Wut auszulassen.

Mit knapp bemessenen Röcken, Netzstrümpfen und rotem Lippenstift hurt sie durch die Stadt. Kein Mann ist vor ihr sicher und sie besorgt es jedem.

Alles ist nur noch Sex. Alles. Sie treibt dahin. So wie andere Leute sich mit der Rasierklinge ritzen, spreizt Lola die Beine.

Mal ist es ein Klempner, dann ein verheirateter Mann. Die Gedanken werden ausgeschaltet und es geht los mit dem Sex. Danach knipst sie den Männern einen Fingernagel ab und läuft nach Hause, wo sie die gesammelten Fingernägel in einem Glas sammelt.

An ihre verstorbene Mutter möchte sie nicht denken und an ihren Vater, der Alkoholiker ist hat sie seit langem keinen Kontakt, obwohl der sich bei ihr meldet und sich ein Wiedersehen erwünscht.

Ihr Nachbar Dove – der absolut das Gegenteil von Lola ist – häuslich, fokussiert auf die Zukunft – mag Lola und bringt ihr Schokolade von einer Reise mit.

Lola geht auf Dove ein und reist mit ihm nach Griechenland, obwohl sie Angst vor dem Fliegen hat.

Ein Neuanfang scheint in Sicht zu sein. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Lola ihre krankhafte Einstellung zu Männern und ihren Wut, den sie an sich selbst ausübt – in dem sie sich als Frau so sehr erniedrigt – losbekommen wird, wenn das Glas mit den Fingernägeln voll ist. Durch Dove schien es so, dass das nicht mehr von Nöten war.

Lola könnte zurück in den Supermarkt gehen, sich ein paar Rasierklingen kaufen und sich unter der heißen Dusche die Pulsadern öffnen. Verrecken ist billig. Bloß drei Euro. Drei Euro, und schon ist das ganze Gezeter, sind all die Minuten, Tage, Monate und Jahre vorbei. Die Fesseln sprengen, der Einsamkeit entfliehen und eintauchen in ewiges Vergessen. Für drei Euro. Wie kann ein Mensch nur so allein sein?

Das Buch wird unter dem Genre Erotik aufgeführt, doch es ist viel mehr als dies. Zwar sind die beschriebenen Sexszenen detailliert und erotisch, aber mich hat eher die Geschichte der jungen Frau interessiert. Ich habe mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie allein sich eine Frau fühlen kann und was einem zustößen müsste, dass man sich selbst nur noch als Sexobjekt ansieht. Das Buch ist lesenswert.

Ich danke Rowohlt für das Rezensionsexemplar.

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