Mittwoch, 30. August 2017

Flucht von Hakan Günday



Hakan Günday

Hakan Günday, geboren 1976, studierte Französisch in der Türkei und in Brüssel, anschließend Politikwissenschaften in Ankara. Diplomatensohn, Bestsellerautor, Drehbuchautor, Provokateur, Enfant terrible der jungen türkischen Literatur. Seine Romane sind gleichermaßen Bestseller wie Kultbücher. Seine vielen Fans feiern ihn für seine politischen Kolumnen, seine öffentlichen Debatten und dafür, dass alles, was er tut, aus dem Rahmen fällt.

"Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte ich nie das Licht der Welt erblickt." - Mit diesen erschütternden Worten fängt das Buch von Hakan Günday an. Der Protagonist Gâza ist erst neun Jahre alt, als er erfährt, dass sein Vater Ahad ein Schleuser ist und Menschen in einem Depot im Garten versteckt um sie danach mit dem LKW zu transportieren.

Das Buch besteht aus jeweils vier großen Kapiteln, die mit Maltechnicken der Renaissance eingeleitet werden und somit ein Hinweis auf Gâza, der sich in der Geschichte drastischen Änderungen unterziehen wird, geben. Als kleiner Junge ist er noch unwissend und versucht Antworten auf Fragen wie, "wollte meine Mutter mich direkt nach meiner Geburt umbringen?" zu finden.

Im ersten Kapitel entwickelt sich Gâza zu einem Charakter, den man einfach nicht mögen kann. Er sieht die Menschen im Depot als Waren an und macht mit ihnen Versuche, die er in einer wissenschaftlichen Ausarbeitung versucht, festzuhalten. Er installiert Kameras im Depot und schaut den Menschen darin zu. Geilt sich an ihnen auf. Erkennt von Tag zu Tag seine Macht über ihnen. Es reicht schon aus, dass er das Licht an und ausschaltet.

Im weiteren Alter scheut er sich nicht davor, sich die schönen Mädchen auszusuchen und sie zu vergewaltigen. Im zweiten Kapitel passiert ein Unfall, der Gâzas Leben einen entscheidenden Wandel gibt. Als er mit seinem Vater die Menschen transportiert, fährt sein Vater den LKW, nachdem Gâza ihm Fragen über seine Mutter gestellt hat, in den Abgrund. Es ist mehr ein Selbstmord als ein Unfall. Gâza verbringt 300 Stunden inmitten der Leichen aus dem LKW und ist der einzige überlebende. Die Stunden die er dort verbringt sind dermaßen detailliert erklärt, dass Gâza ab diesem Moment für den Leser nur noch wie ein Raubtier erscheint. Ein krankhafter Charakter, der sich sogar an einer Leichenbrust aufgeilen kann. - Ich hatte mit dieser Stelle zu kämpfen. Danach musste ich das Buch beiseite legen und das Gelesene verarbeiten.

Nachdem Unfall ist Gâza nicht mehr zurechnungsfähig. Er wird zwar von einigen gefördert und darf sogar studieren, da er immer sehr gut in der Schule war, doch seine Haltung gegenüber Menschen führen ihn in eine Nervenklinik. Er wird dort behandelt und nachdem er entlassen wird, kann er nicht unter Menschen sein. Kann mit ihnen nicht reden, weder noch einem die Hand schütteln. Im weiteren Verlauf des Buches kehrt er zurück zum Depot. An dieser Stelle musste ich an das Sprichwort - ein Mörder kehrt immer zum Tatort zurück - denken.

Meine Meinung:

Dieses Buch von Hakan Günday habe ich vor Monaten in türkisch angefangen und es nicht weiter gelesen, weil es mir sehr extrem und hart vor kam. Die deutsche Sprache empfinde ich in einigen Zusammenhängen nicht so emotional und hart wie meine Muttersprache. Deshalb habe ich das Buch nochmal auf deutsch angefangen und ich muss sagen, dieses Buch ist nichts für Leute, die zart betucht sind. Es spielt mit den Nerven, mit den Gefühlen und provoziert durch und durch. Doch das ist die Art Gündays. Wer andere Bücher von ihm gelesen hat, weiß, dass er keinen Blatt vor den Mund nimmt. Er hat mit Gâza einen Charakter geschaffen, der einen kurz inne halten lässt und an die Geschehnisse an den Grenzen denken lässt. Menschen werden als Ware angesehen und von Schleusern, mit der Hoffnung nach Europa zu kommen, reingelegt. Es ist noch nicht lange her, dass die Leiche eines kleinen Jungen an die Ägäisküste der Türkei gestrandet ist.

Notizen:

Wie oft beichtet man ein und dieselbe Sünde ein und demselben Menschen? (Seite 13)

Kaum hielt ich in jenem Sommer men Schulzeugnis in der Hand, wurde ich zum Menschenhändler. (Seite 15)

Alles war Mathematik. Eine bloße Subtraktionsaufgabe. Wüsste ich, was übrig blieb, wenn ich meinen Hass von der Welt subtrahierte, wäre die ganze Geschichte zu Ende. (Seite 100)

Es gibt so Nächte ... Nächte wie Sägemehl ... Nächte, die jede Schuld aufsaugen und jeden Schuldigen unschuldig in den Morgen entlassen ... (Seite 220)

 

 

 

Donnerstag, 10. August 2017

Unsere Seelen bei Nacht - Kent Haruf



Unsere Seelen bei Nacht von Kent Haruf ist im März 2017 im Diogenes Verlag erschienen.

Klappentext:

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.

 

Inhalt:

Der Klappentext sagt schon vieles von diesem Buch voraus. Addie ist verwitwet und klingelt eines Abends bei ihrem Nachbarn Louis und fragt ihn, ob er nicht bei ihr schlafen möchte. Louis ist ihr seit Jahren bekannt und auch er ist einsam.

Sie will ihre Einsamkeit teilen. Abends im Bett liegen und neben sich einen Menschen haben, den sie kennt und dem sie nach und nach vertrauen kann.

Auch wenn es Louis als erstes komisch vorkommt, willigt er ein und geht Abends, wenn ihn keiner sehen kann zu Addie. Die ersten paar Male ist es für beide komisch, doch mit der Zeit gewöhnen sie sich aneinander. Sie reden von ihren Partnern, ihren Kindern, ihren Schicksalen.

Wer sie sind, wer sie einmal waren und was sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind.

Es geht in diesem Buch nicht um Sex. Es geht durch und durch um die Einsamkeit.

In einem kleinen Ort wie Colorado spricht sich so etwas schnell herum. Die Menschen schauen sie komisch an und es ist klar, dass sich schnell Gerüchte herumsprechen werden.

So kommt es auch, dass Louis' Tochter und Addies Sohn davon erfahren und versuchen ihre Elternteile zurechtzuweisen. Sie wollen nicht, dass sie sich treffen, gar beieinander übernachten.

Addie ist es von Anfang an egal, was die Menschen denken werden. Sie ist einfach zu Erwachsen und alt um sich Gedanken darüber zu machen, was andere Menschen reden werden und sie erlaubt es keinem, sich in ihr Leben einzumischen.

 

Meine Meinung:

Das Buch ist sehr tiefgründig. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie schlimm es sein kann, wenn man einen Menschen verliert, den man über Jahre hinweg an seiner Seite wusste.

Man ist daran gewöhnt nach Hause zu kommen, diese Person um sich zu haben, für diesen Menschen zu sorgen, zu lieben und geliebt zu werden. Und eines Tages ist einer der Parteien verstorben und der andere steht da und ist alleine.

Einsam sein möchte niemand. Und das ist Addies einziger Wunsch. Nicht einsam zu sein. Sie beweisst Stärke und traut sich Louis zu fragen. Könntest du es? Wärest du dazu bereit deine Einsamkeit gegen Zweisamkeit zu tauschen, wenn du wüsstest, dass du zum Redestoff der ganzen Stadt wirst?

 

Dienstag, 1. August 2017

Arda und der Spuk von Tegel

[caption id="attachment_115" align="aligncenter" width="700"] Ein Tegeler Abenteuerroman[/caption]

 

Nesrin Kismar, geboren 1973 in Izmit in der Türkei, studierte an der Teknik Üniversitesi in Istanbul Physik, lebt seit 1994 mit ihrem Mann und inzwischen 4 Söhnen in Berlin. Sie schreibt Kinderbücher und Romane.

 

Klappentext:
Arda war ein fröhlicher und neugieriger Junge im Alter von 11 Jahren. Er lebte mit seinen Eltern in Nordberlin im grünen Tegel. Sein Vater Ahmet hatte einen Dönerladen, der durchgehend geöffnet war, das bedeutete 7 Tage in der Woche und fast 20 Stunden am Tag. Während Ahmet viel arbeitete, kümmerte seine Frau Reyhan sich um Haus und Kind. Reyhan stand immer früh auf und verbrachte ihr halbes Leben in der Küche. Lennard war der beste Freund von Arda. Und ihre Mütter waren auch gute Freundinnen. Als Arda mit seinem Freund in den Sommerferien zusammen durch die Gegend radelte, lernte er die Geschichten und Geheimnisse des grünen Tegel kennen, aber auch seine eigene Familiengeschichte, die mit Tegel eng verbunden war.

Inhalt:
Wie der Klappentext schon voraussagt, dreht es sich in dieser Geschichte um die zwei Freunde Arda und Lennard. Sie sind eng miteinander befreundet und lieben es mit ihrem Fahrrad in Tegel Touren zu unternehmen.
Als sie eines Tages im Wald ein kaputtes Nummernschild finden und dies der Polizei melden, fängt der ganze Spuk an.
Als erstes müssen sie sich gegenüber ihren Eltern verteidigen, da sie diese Aktion bei Nacht und Nebel vorgenommen haben und sich dafür aus dem Haus geschlichen haben.
Sie hören, dass es Spukgeschichten über Tegel gibt und versuchen diesen Geschichten nachzugehen und herauszufinden, um was es sich bei dem Spuk handelt.
Während Arda mit Lennard diese Aktion ausübt, befindet sich sein Vater in der Türkei. Ardas Großvater ist erkrankt. Als Ahmet wieder zurück in Deutschland ist und von Ardas Aktionen erfährt, ist er als erstes mal sauer. Als zwei Polizisten an der Tür erscheinen und erklären, dass die beiden Jungs durch die Meldung des Nummernschildes ein großes Beweismittel für ein Verfahren geliefert haben, ist Ahmet stolz auf die beiden Jungs.

Meine Meinung:
Nesrin Kismar hat ein spannendes Kinderbuch geschaffen. Sie vereint die beiden Nationen in ihrem Buch und erzählt aus der Sicht einer Familie, die mittlerweile in der dritten Generation in Deutschland ist, wie sehr die Integration funktioniert hat. Sie schildert durch ihre Worte die Gefühle von Millionen von Türken. Auf der einen Seite ist man hier zuhause, doch die Sehnsucht nach der fernen Heimat ist groß.
An vielen Stellen im Buch habe ich meine eigene Kindheit herausgelesen. Wie ich mit meinen deutschen Freunden gespielt habe ohne darüber nachzudenken, dass man doch verschieden ist, aber doch gleich. Kinder eben.

Das Buch ist empfehlenswert.

Stellen, die mich bewegt haben:
Seine Mutter sprach mit ihm zuhause nur Türkisch. Sie sagte immer, dass die Muttersprache sehr wichtig sei, und wenn man seine Muttersprache richtig beherrsche, könne man auch eine zweite Sprache gut lernen. (Seite 12)

Er legte sich ins Bett und dachte darüber nach, was seine Mutter ihm erzählt hatte. Er war eine Tegeler Pflanze miz Wurzeln, die sich bis in die Türkei erstreckten. (Seite 23)

"Ich habe irgendwo gelesen, dass die Türken mit dem Koffer in der Hand leben. Wenn sie nicht ins Ausland wandern, ziehen sie nach Istanbul um!" (Seite 72)

 

 

Das Lied des Achill

  Das Lied des Achill handelt über die bekannte Geschichte des Gottes Achills, der vor Troja gekämpft hat um Helena zu retten.  Das Achill ...